Fleischfresser - Kapitel 07
Zelen erwachte. Ihr hervorragendes Zeitgefühl sagte ihr sofort, dass sich die Atmosphäre in ihrer Koje viel zu früh wieder normalisiert hatte.
Sie schaute auf die Uhr. Normalerweise gönnte ihr das System circa acht Stunden Schlaf, so war es eingestellt. Jetzt waren aber nicht einmal 30 Minuten vergangen, als sich die Atmosphäre wieder reor- ganisierte. Zelen rieb sich die Augen. Ihr erster Gedanke war, Poldek zu informieren. Er sollte sich mal das Atmosphärensystem anschauen. Wenn irgendetwas damit nicht in Ordnung war, konnte
das schwerwiegende Folgen haben: Eventuell könnten sich Systemfehler auf die Sauerstoffzufuhr auswirken. In diesem Fall hätte die Crew der Station ein echtes Problem. Die Sauerstoffvorräte reichten im Ernstfall vielleicht für zwei Tage.
Zelen war noch schläfrig, zwang sich aber, aufzustehen. Sie begab sich zu ihrem Schreibtisch, setzte sich, ließ die Tastatur aus der Tischplatte fahren und starrte auf das Display.
Das Kommunikationssytem war abgestürtzt, einige Programme ebenfalls. Vielleicht hatte sich der Computer wegen einer Stromschwankung kurzzeitig selbst abgeschaltet. Zelens Finger flogen über die Tastatur. Das war keine Stromschwankung. Sie überprüfte die Hauptverwaltungsprogramme. Das gesamte System der Cesaron war lahm gelegt … war lahm gelegt worden. Dieser Virus war kein zufälliges Produkt der Computernutzungen, jemand musste ihn absichtlich ins System geladen haben. Urplötzlich war Zelen hellwach. Sie fuhr sich mit der rechten Hand durch die kurzen Haare und schaute erneut auf die Uhr. Drei Minuten waren vergangen, seitdem sie aufgewacht war. Wer könnte den Virus geschickt haben? Kam er vom Planeten? Ausgeschlossen, bei der schlechten Verbindung und den ausnahmsweise guten Sicherheitssystemen der WRB war ein Eindringen von externen Viren praktisch unmöglich. Sie stand auf. Ein kurzes, aber heftiges Beben erschütterte die Cesaron und warf Zelen zurück auf den Stuhl. Hat da gerade etwas die Station gerammt? Hektisch raffte sie sich wieder auf und wandte sich dem Display zu. Ihr Puls stieg. Sie versuchte, auf die Überwachungskameras zuzugreifen. Keine Chance. Sensoren? Ebenfalls Fehlanzeige. Atmosphärensysteme? Nichts. Das ganze System spielte verrückt. Zelen wurde nervös, langsam panisch. Sie schaute sich hastig in ihrer Koje um. Sie suchte ihre Bluse und fand sie neben dem Bett auf dem Boden. Zelen durchwühlte alle Taschen der Bluse und fand schließlich, wonach sie gesucht hatte: Ihren Funker, ein Funkgerät, so groß wie ein Fingernagel, dass kabellos mit Implantaten im Ohr und an den Stimmbändern verbunden war. Sie piepte erst Poldek an. Keine Antwort. Auch Maier und Jules reagierten nicht auf ihre Anfragen. Was war nur los? Zelen zog sich ihre Bluse über, öffnete die Tür ihrer Koje und lief auf den Gang. Sie checkte das Display hier, ein Scanner überprüfte kurz ihre Iris, um sie als freigeschalteten Nutzer des Systems zu identifizieren, doch auch dieses Display konnte sich nicht mehr ins System einloggen.
Was sie nicht wusste: Es hatte sich längst eine stählerne Kreatur über die Hauptrechner und Netzwerke der Cesaron hergemacht. Zelen, mittlerweile ziemlich verängstigt, nahm den kürzesten Weg zum ringförmigen Korridor, um von dort aus Deck A zu erreichen. Sie wollte dort in die Rechenzentrale, um Maier zu suchen, oder Poldek, oder irgendjemanden. Zelen erreichte schließlich den Ring. Glücklicherweise war das Gravitationssystem noch funktionstüchtig, ansonsten könnte sie die obere Hälfte des Rings nicht mehr erreichen und müsste dann den längeren Weg durch die einzelnen Bereiche zu Deck A nehmen. Doch Zelen kam gar nicht erst dazu, los zu rennen. Sie schaute nur kurz aus dem Fenster, und was die da sah, ließ sie erstarren. Sie hielt ihren Atmen an und konnte ihren Blick nicht mehr abwenden. Wo sie sonst aufs Weltall hinausblicken konnte, sah sie nun nur noch Metall. Sie starrte direkt auf ein gigantisches Raumschiff, mindestens 20-mal so groß wie die Cesaron. Wie dieses Raumschiff im Gesamten aussah, konnte Zelen nur erahnen. Das einzige, was sie sah, war eine riesige, dunkelgraue Front aus Titan und Stahl, übersäht mit Ausbuchtungen, Nischen und … Waffensystemen? Zumindest hätten es Waffensysteme sein können.
Zelen kannte alle Raumschiffe der WRB, aber dieses hatte sie noch nie gesehen. Dieses Schiff übertraf mit seiner Masse alle ihr bekannten Raumschiffe um Längen. Es war auch in einem ganz anderen Stil gebaut. Die Schiffe der WRB bestanden allesamt aus hässlichen, aneinander gereihten geometrischen Figuren. Rundungen kannten deren Ingenieure irgendwie nicht. Doch dieses Schiff war oval. Soweit Zelen es sehen konnte, bestand dessen Bauch aus einem stromlinienförmig zugeschnittenen Zylinder. Was sie da sah, war kein Schiff der WRB …
Zelen sammelte sich wieder, schloss die Augen und atmete einige Sekunden lang tief durch. Dann rannte sie los. Sie lief so schnell sie konnte den ringförmigen Korridor entlang. Ihr Ziel: Deck A, dort befand sich der Hangar der Cesaron inklusive eines kleine Raumjägers. Sie wollte nur noch weg von hier, raus aus dieser Station. Ungefähr auf Höhe einer Tür, die zu Deck B führte, schaute Zelen nach oben aus dem Fenster. Sie stoppte. Ein gewaltiges metallisches Rohr, welches aus dem Bauch des fremden Schiffes kam, schien die Haut der Ceasorn auf Höhe von Deck A durchstoßen zu haben. Sie wurden infiltriert! Zelen atmete schneller und schneller. Panikattacken befielen sie. Tränen kullerten ihre Wangen hinab. Sie drehte sich zur Tür um, öffnete diese per Augenscann und stürmte hindurch. Sie wollte die Tür abriegeln, doch auf den Türdisplays hatte der Virus bereits zugeschlagen. Abriegelung war nicht mehr möglich. Plötzlich fiel das Licht auf der ganzen Station aus. Es war stockdunkel. Zelen sah gar nichts mehr. Ihre Angst stieg ins Unermessliche, Schweiß perlte ihr von der Stirn. Ihre Gliedmaßen verkrampften sich, und trotzdem gab sie keinen Laut von sich. Sie horchte einfach nur in die Dunkelheit.
Stille. Zelen tapste einige Schritte durchs Dunkel und vergaß vor lauter Panik völlig, dass ihre Bluse mit speziellen Leuchtfasern ausgestattet war, die es ermöglichten, einen Radius von ungefähr einem Meter um den Träger herum taghell zu erleuchten. Sie arbeitete sich langsam durch die Dunkelheit, Schritt für Schritt. Sie suchte den Technikraum, weil sie wusste, dass sie dort einen Laserbohrer oder irgendein anderes Werkzeug finden würde, um sich im Notfall verteidigen zu können. Schritt für Schritt schlich sie durch den breiten Korridor. Plötzlich trat ihr rechter Fuß auf irgendetwas Weiches. Zelen erschrak. Sie knickte weg, fiel, und schlug sich das linke Knie auf. Halb kniend hockte sie da, biss die Zähne zusammen und schluckte den Schmerz runter. So verweilte sie erst einmal einige Sekunden, sie rührte sich nicht. Wieder lauschte sie … nichts. Dieselbe Stille wie vorhin. Zelen dachte plötzlich an die Leuchtfunktion ihrer Bluse. Unter normalen Umständen hätte sie sich nun sicherlich ihre eigene Dummheit vorgeworfen, aber in diesem Augenblick verdrängte die Angst, diese unsägliche Panik, jeden normalen Gedanken. Wie konnten sie ein so großes Raumschiff übersehen haben? Wie konnte dieses Schiff durch alle Sensorbereiche schlüpfen? Was war das überhaupt für
ein Ding?
Zelen schaltete das Licht ihrer Bluse an. Sie schrie laut auf. Nun konnte sie erkennen, worauf sie eben getreten war: Es war Poldek, oder vielmehr das, was von ihm noch übrig war. Poldeks letzter Gesichtsausdruck wirkte wie ein wahnsinniger Schrei: Mund und Augen weit aufgerissen, ein prägendes Bild. Sein Brustkorb war von irgendetwas zerrissen worden. Überall klebte Blut, am Boden, an den Wänden, an Zelens Füßen. Sie merkte, wie der Brechreiz in ihr hoch kam. Sie wandte ihr Gesicht ab und begann laut zu weinen. Dann vernahm sie ein leises metallisches Geräusch, irgendwo in der Dunkelheit vor sich. Zelen starrte apathisch in die Finsternis, ihr Herz raste. Aus einem Geräusch wurden mehrere. Es hörte sich an wie feine Nägel, die gegen den Boden klopfen. Die Geräusche kamen näher, wurden lauter. Ganz langsam stand Zelen auf, ohne den Blick abzuwenden, ohne irgendein anderes Körperteil zu bewegen. Irgendetwas kam auf sie zu. Zweidreimal pro Sekunde war dieses Geräusch zu hören, es kam blitzschnell näher, bis schließlich ein etwa handtellergroßes stählernes … Vieh im Lichtradius ihrer Bluse erschien. Es blieb stehen. Dieses Ding hatte acht lange und sehr dünne Beine, es schien komplett aus silberfarbenem Metall zu bestehen und löste in Zelen umgehend Ekel aus. Der Bauch der Kreatur war geformt wie ein Reiskorn, nur größer. An jeder der beiden länglichen Seiten des Körpers waren vier der Beine angebracht. Im Gesamten sah es aus wie eine Spinne aus Metall.
Das Ding war vollkommen silbern, es gab nur zwei kleine, schwarze Punkte, nebeneinander angeordnet, die vorne am Körper angebracht waren. Sie erinnerten an Augen und sie schienen Zelen anzustarren. Zelen starrte zurück. Sie konnte sich nicht mehr bewegen, keinen Laut von sich geben, sie starrte einfach nur zurück. Dann plötzlich begannen die beiden schwarzen Punkte kurz rot aufzuleuchten, das Vieh spreizte seine Beine und machte einen Satz auf Zelen zu. Es sprang sie direkt an und bohrte alle acht Gliedmaßen tief in ihr linkes Bein. Zelen öffnete den Mund, um zu schreien. Doch dazu kam sie nicht mehr. Der Silberling explodierte, eine kleine Explosion, doch sie reichte aus, um Zelens Bein in tausend Stücke zu zerfetzen und ihren Torso durch den halben Raum zu schleudern. Das Licht ihrer Bluse erlosch und es war stockdunkel. Zelen lag am Boden und tat den letzten Atemzug ihres Lebens.