Inglourious Basterds - Kritik vom 17.10.2009
Selten passiert es, dass der Kinosaal applaudiert, wenn der Abspann über die Leinwand flimmert. Nach Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ hagelte es Applaus, als wäre es das Selbstverständlichste auf Erden. Und verdammt, dieser Film hat es verdient!
Mit „Inglourious Basterds“ kehrt Tarantino zurück zu seinen Wurzeln und kann an seine frühen Meisterwerke wie Reservoir Dogs und Pulp Fiction anknüpfen. Tatsächlich kann man seinen neusten Film viel eher mit seinen frühen Werken vergleichen, als mit seinen jüngeren Produktionen. Die Kill-Bill-Reihe oder auch Death Proof können der allgemeinen Meinung nach ja nicht die von Tarantino gewohnte und geforderte Qualität halten. Ich sage extra „der allgemeinen Meinung nach“, da ich weder das eine noch das andere gesehen habe. Wie auch immer, mit „Inglourious Basterds“ hat Tarantino mich gepackt, gefesselt, grandios unterhalten und überzeugt.
Zur Zeit des zweiten Weltkriegs erzählt der Film drei ineinander verschachtelte Geschichten. Lt. Aldo Raine (Brad Pitt) wird zusammen mit einer jüdischen Elite-Einheit und ehemaligen deutschen Offizieren, genannt die Basterds, in Frankreich hinter den feindlichen Linien abgeworfen. Dort haben sie nur einen Auftrag: Nazis töten. Zeitgleich versteckt sich die Jüdin Shosanna Dreyfus (Mélanie Laurent) in Paris und betreibt dort ein Kino. Als sich die gesamte Nazi-Elite zu einem Kinobesuch ankündigt, fasst sie einen gewagten Entschluss.
Der dritte Handlungsstrang behandelt den wohl grandiosesten Bösewicht aller Zeiten: Hans Landa, „der Judenjäger“, absolut göttlich verkörpert von Christoph Waltz (Herr Lehmann). Er ist der mit Abstand herausragenste Darsteller des gesamten Ensembles, und dabei hat Tarantino einige europäische und amerikanische Größen verpflichtet: Daniel Brühl als Schütze Zoller, der durch eine Heldentat zum deutschen Star wurde, gibt den eigentlich schüchternen und dann doch überraschend schlagkräftigen jungen Soldaten sehr überzeugend. Er beweist hier großes Schauspieltalent. Diane Kruger als deutscher Filmstar überzeugt. Sylvester Groth als Goebbels hat hier seine Paraderolle gefunden (er spielte den Goebbels auch schon in Mein Führer). Eli Roth ist „Der Bärenjude“, der Nazis am liebsten mit einem Baseballschläger killt. Der Mann ist vor der Kamera definitiv besser aufgehoben als dahinter. Die Liste guter Darsteller ist lang, wer aufpasst, entdeckt sogar Ärzte-Drummer Bela B. Selbst Til Schweiger, den ich eigentlich überhaupt nicht leiden kann, hat mich hier überzeugt. Er gibt den wortkargen Deserteur Hugo Stiglitz verdammt cool. Leider schaffte Tarantino es nicht, alle Nebenrollen so hochkarätig zu besetzen. Was zum Beispiel drittklassige deutsche Comedians wie Volker „Zack“ Michalowski in diesem Film zu suchen haben, ist mir ein Rätsel.
Am Ende fragt man sich, was man da eigentlich für einen Film gesehen hat. Ein Kriegsfilm? Nicht wirklich, denn Krieg gibt es in „Inglourious Basterds“ eigentlich nicht. Einen Actionfilm? Nein, denn auch Action gibt es nicht wirklich viel. Eine Komödie? Zum Teil, allerdings wäre es schelmisch, die Basterds als reine Komödie abzustempeln. Irgendwo ist es auch ein Thriller, ein Abenteuerfilm, ein Epos. Tarantino beweist sich als Zyniker mit Hang zum bitterbösen Humor. Er beweist sich als Freund krasser Gewalt, aber ebenso als Freund hervorragend ausgearbeiteter Charaktere, sehr guter Dialoge (auch wenn die Deutschen manchmal „okay“ sagen, was sie 1944 definitiv noch nicht gesagt hatten) und einem beinahe perfekten Drehbuch. „Inglourious Basterds“ ist am Ende vieles und will doch in kein Schema passen.
Leider sind einige Passagen dann doch etwas lang geraten, was den Filmspaß minimal trübt. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob man sich diesen Film wirklich mehrmals anschauen kann. Wenn man bereits weiß, was passiert und wie die Handlung zusammenkommt, könnten viele Passagen arg langwierig und schleppend wirken. Aber das werde ich definitiv noch irgendwann herausfinden, denn ich möchte den Film zumindest noch einmal auf Englisch sehen. Tarantino hat ja bewusst auf einen vielsprachigen Film gesetzt, was die deutsche Lokalisierung durch die Eindeutschung aller englischer Passagen teilweise aufgehoben hat.
Ich vergebe 5/5 Bärenjuden für ein episches Meisterwerk.
