Der seltsame
Fall des Benjamin Button - Kritik vom 29.06.2009
"Der seltsame Fall des Benjamin Button" ist einer dieser ganz großen Filme. Und das schreibe ich nicht, weil der Streifen 160 Mio. Dollar gekostet hat und auch nicht, weil er 159 Minuten geht. Nein, dieser Film ist einer der ganz großen, weil er mehr sein möchte als "bloß" ein Film. Er möchte anspruchsvoll sein, zum Nachdenken anregen und schließlich einfach mehr sein als die seichte Unterhaltung am Abend. Davon zeugt allein der Titel. Es ist kein reißerischer Titel, kein "Benjamin Button" mit Untertitel oder etwas Kurzes und Bündiges. Hier wurde bewusst der lange Titel gewählt, um von vorn herein klar zu stellen: Das hier ist mehr als bloße Unterhaltung. Doch kann der Streifen dieses Versprechen halten?
"Der seltsame Fall des Benjamin Button" begleitet den gleichnamigen Protagonisten dessen komplettes Leben lang, von seiner Geburt 1918 bis zu seinem Tod in den 80ern. Benjamin erlebt somit die verschiedenen Epochen des 20. Jahrhunderts und wird hie und da Zeuge geschichtlicher Ereignisse, ähnlich wie "Forrest Gump" im gleichnamigen Film (Überraschung: Beide Filme entstammen der Feder desselben Autors), auch wenn die geschichtlichen Ereignisse hier eine deutlich kleinere Rolle spielen als noch im Film um den sympathischen Trottel Forrest.
"Forrest Gump" ist aber auch sonst ein gutes Stichwort, denn "Der seltsame Fall des Benjamin Button" erinnert mehr als einmal, ja eigentlich über die gesamte Laufzeit an diesen anderen Film, ohne
auch nur in einer einzigen Sekunde an den Charme und Witz eines Forrest Gump heranzureichen.
Benjamin Button (im Hauptteil gespielt von Brad Pitt) ist nicht wie andere Menschen. Geboren als gebrechlicher Greis wird er sein Leben lang jünger statt älter. Einzige Konstante in seinem Leben ist Daisy (Cate Blanchett). Im Grunde beschreibt "Der seltsame Fall des Benjamin Button" die Suche eines außergewöhnlichen Mannes nach seinem Glück. All zu oft ist auch die Vergänglichkeit des Lebens Thema des Films, für meinen Geschmack ein bisschen zu oft. Klar ist es eines der Hauptthemen, trotzdem muss man das dem Zuschauer nicht in jeder zweiten Szene unter die Nase reiben.
Neben der Geschichte um Benjamin dümpelt noch eine Nebenstory ohne erkennbaren Sinn vor sich her. Da geht es um die im Sterben liegende Daisy im Jahre 2005, die sich von ihrer Tochter aus dem
Tagebuch Benjamins vorlesen lässt. Hätte man sich meiner Meinung nach sparen können. Mich hat es jedenfalls immer wieder aus dem Film gerissen, wenn die Story umschaltete.
Was mir gar nicht gefallen hat, ist der Stil des Präsentierten. Da fehlt ein roter Faden; zu oft wechselt der Stil von Bild und Ton. Manchmal ist das Bild künstlich auf alt getrimmt, dann wieder
nicht. Manche Rückblicke sind in schwarz-weiß, anderes nicht. Kein Beinbruch, aber es ist mir negativ aufgefallen.
Auch wenn sich diese Kritik bisher fast nach einem Verriss anhört, so darf ich doch Entwarnung geben: "Der seltsame Fall des Benjamin Button" hat seine großen und sehenswerten Momente: Dazu gehören die vielen wirklich herzergreifenden Augenblicke, die allesamt überdurchschnittlichen Darsteller und die gelungenen Spezialeffekte bzw. das Make Up. Die Alterungsprozesse bzw. Verjüngungsprozesse sehen beeindruckend aus und suchen Ihresgleichen. Man kauft dem Film wirklich ab, dass man immer wieder dieselbe Person auf dem Schirm sieht, nur eben plötzlich 10 oder 20 Jahre älter. Leider griff der Regisseur (ist übrigens David Fincher) meiner Meinung nach etwas zu oft auf den Computer zurück. Warum heutzutage alle Landschaften und Panoramaansichten aus dem PC kommen müssen, ist mir ein Rätsel und sieht auch im Jahre 2009 noch nicht so gut aus wie original gefilmt.
Der Humor passt, davon hätte es ruhig mehr geben dürfen. Und warum Eric Roth (Der Autor) auch Benjamin Button nicht sterben lassen konnte, ohne ihn einen Krieg hautnah miterleben zu lassen, ist mir ebenfalls ein Rätsel.
Was bleibt nach 160 Minuten übrig? "Der seltsame Fall des
Benjamin Button" ist sicherlich nicht das, was er gerne wäre. An seinen Vater im Geiste "Forrest Gump" kommt er jedenfalls nicht heran. Die ganze Zeit über wartet man auf etwas Großes, ohne dieses
"Große" näher definieren zu können, doch es kommt nichts.
Trotzdem kann ich eine klare Empfehlung für Liebhaber von Beziehungsfilmen und Dramen aussprechen. "Der seltsamen Fall des Benjamin Button" ist sehenswert, rührend, traurig, heiter - mehr aber auch
nicht.
Ich vergebe letztlich schwache 4/5 Babys.
