28 Week Later - Kritik vom 11.09.2009
Danny Boyle revolutionierte 2003 mit 28 Days Later den Zombiefilm. Seine Zombies waren kein lahmes Kanonenfutter, keine schlurfenden, stöhnenden Hirnfresser, die sich mit gefühlten 2 km/h bewegen. Boyles Zombies waren blitzschnelle, wütende Monster, die sich ohne Rücksicht auf Verluste gegen jedes Hindernis warfen, Türen einrannten und ihre Opfer mit allen Gliedmaßen traktierten. 28 Days Later war einer der ersten Filme mit wirklich angsteinflößenden Zombies, bei denen sich dem Zuschauer die Nackenhärrchen aufstellten. Danny Boyle schuf 2003 einen der bedrückendsten und krassesten Zombiefilme überhaupt. Das Mittendrin-Gefühl, bedingt durch den Einsatz von Handkameras, katapultierte den Zuschauer mitten ins Geschehen. 28 Days Later schockierte durch seine perfekte Inszenierung, durch die von Anfang bis Ende herrschende, menschenfeindliche Atmosphäre und nicht zuletzt durch sparsamen, aber wirksamen Einsatz von Gewalt und Action. Danny Boyle schaffte somit ein viel intensiveres Erlebnis als all die anderen Zombiefilme, die sich allein auf einen hohen Gewaltgrad und möglichst viel „Gore“ verlassen.
Mit „28 Weeks Later“ kommt einige Jahre später die sehnlich erwartete Fortsetzung. Auf dem Regiestuhl nahm dieses Mal der bis heute noch relativ unbekannte Juan Carlos Fresnadillo Platz. Danny Boyle war immerhin noch als Second Unit Director mit an Bord, d. h. er führte im sekundären Filmteam Regie.
Gleich die erste Szene verrät, dass Fresnadillo seine Hausaufgaben gemacht hat. Genau wie sein Vorgänger versteht er es, den Zuschauer in den Sessel zu pressen und ihm den Atem zu rauben:
England, wenige Tage nach Ausbruch der Infektion. Die Kamera fängt die gedämpfte, dennoch nicht hoffnungslose Stimmung in einem kleinen Bauerhaus ein. Ein paar Menschen halten sich dort versteckt und nehmen unter Kerzenschein eine Mahlzeit zu sich. Fenster und Türen sind verbarrikadiert. Spärlich fällt Sonnenlicht durch die unsauber zugenagelten Fenster ins düstere Innere. Das panische Rufen eines kleinen Jungen zerreißt die Stille der Szenerie. Schwache Kinderhände klopfen von außen gegen die Tür. Eine Kinderstimme ruft um Hilfe. Als ihm die Bewohner des Hauses öffnen, geschieht das Unglück: Zombies greifen das Haus an und können eindringen. Don (Robert Carlyle) lässt seine Frau zurück, um sich selbst zu retten.
Zeitsprung: England, 28 Wochen später. NATO-Truppen haben die Insel besetzt und lassen erstmals wieder Zivilisten ins Land. Die letzten Zombies sind bereits vor Monaten verhungert. Auch Don kehrt in seine Heimat zurück. In England sieht er erstmals seine Kinder Andy (Mackintosh Muggleton) und Tammy (Imogen Poots) wieder, die sich zur Zeit der Katastrophe nicht im Land befanden. An Don nagt das schlechte Gewissen, da er seiner Frau und Mutter seiner Kinder hatte sterben lassen statt ihr zu helfen. Natürlich kommt es wenig später erneut zum Ausbruch der Infektion.
„28 Weeks Later“ fesselt und schockiert nicht minder als sein Vorgänger. Abermals schaffen die Macher abartige und blitzschnelle Bestien, die da auf die Menschheit losgelassen werden. Die Zombies spucken Blut, bewegen sich, als wären sie die Personifizierung von Wut und Hass und scheinen unaufhaltsam. Sie scheinen unmenschlich, und wirken doch so verdammt menschlich. Der Regisseur versteht es, den Zuschauer immer und immer wieder in ein neues Wechselbad der Gefühle zu stoßen. Mal ist die Stimmung bedrückend, sodass man am liebsten im Sessel versinken würde, mal möchte man einfach nur wegschauen und kann es dann doch nicht, mal fühlt man mit den Figuren auf dem Schirm und ganz selten gibt es auch mal was zu lachen. Das Drehbuch schafft einige wirklich drastische Situationen, in die wohl kein Mensch geraten möchte. Der Film spielt mit der Angst des Zuschauers vor der Hilflosigkeit und treibt ihn an den Rand des Ertragbaren. Mehrmals wollte ich abschalten und konnte es doch nicht, so grausam und gleichzeitig fesselnd war das Gezeigte auf dem Bildschirm. Fresnadillo setzt sehr stark auf die Wackelkamera, ohne jedoch zu übertreiben und den Film in eine wilde Orgie aneinander gereihter Einzelbilder verkommen zu lassen.
Das Drehbuch ist tatsächlich deutlich intelligenter, als man das von Fortsetzungen zu erfolgreichen Filmen gewohnt ist. Vielleicht liegt das auch gerade daran, dass man nicht die Geschichte der Charaktere des ersten Teils weitererzählt hat, sondern das Geschehen rund um die Infektion völlig neu angegangen ist. An einigen Stellen regt der Film zum Nachdenken an; etwa, wenn Don daran denken muss, dass er seine Frau zurückgelassen hat, obwohl er ihr hätte helfen können. Unweigerlich frage ich mich: Wie hätte ich mich verhalten? Der Zuschauer entdeckt hier vielleicht Seiten an sich, die er lieber nicht entdeckt hätte.
Die Schauspieler machen allesamt einen hervorragenden Job, allen voran liefern Catherine McCormack als Dons Frau Alice sowie Imogen Poots als Tammy eine grandiose und markerschütternde Leistung ab. Ihnen kauft man zu jedem Zeitpunkt die Todesangst ab. Die Darsteller passen durch die Bank weg in den Film wie die Faust aufs Auge. Fresnadillo stand ein ausgezeichneter Cast zur Verfügung, nicht zuletzt, weil auf Sonnyboys und Playboygirls verzichtet wurde und stattdessen Menschen ausgewählt wurden, die auch wie echte Menschen mit Makeln und Fehlern aussehen. Gerade das macht sie sympathisch und den ganzen Film letztendlich glaubhaft. Einige mehr oder weniger bekannte Gesicht sind auch dabei; Jeremy Renner, Idris Elba, Rose Byrne und Harold Perrineau dürften dem ein oder anderen ein Begriff sein.
Lediglich einige miese Computereffekte und die wirklich billig wirkenden Farben in einer Nachtszene relativ in der Mitte des Films ziehen die Wertung etwas nach unten. Bei der Darstellung von Blut wurde übrigens zu 95 Prozent auf CGI verzichtet – zum Glück!
Leider beweist auch das Drehbuch trotz allem Lob besonders im letzten Drittel einige Schwächen, die zu Logikfehlern und Fragezeichen führen. Diese Tatsache ist dann auch der Knackpunkt, warum „28 Weeks Later“ knapp an der Höchstwertung vorbeigeschrammt ist. Dennoch bleibt festzuhalten: „28 Week Later“ schockiert und fesselt.
4/5 Rotorblätter für "28 Weeks Later"
