28 Days Later - Kritik vom 17.09.2009
Im Jahre 2002 schuf Danny Boyle mit „28 Days Later“ eine neue Generation des Zombiefilms. Seitdem scheinen die Zeiten des langsamen Kanonenfutterzombies ein für alle Mal vorbei. Die neuen Zombies sind wahnsinnig schnell und gnadenlos. Sie können auch in kleiner Zahl ihre Opfer überwältigen. Vorbei sind endlich die Zeiten unglaubwürdiger Filme, in denen langsame Untote trotzdem immer ihre Opfer erwischen.
Nach einer kurzen Anfangssequenz, in der Tierschützer in ein Labor einbrechen, um infizierte Affen zu befreien, erwacht Protagonist Jim (Cillian Murphy) 28 Tage später in einem menschenleeren Krankenhaus. Ein Autounfall ist das letzte, an das er sich erinnern kann.
Jim muss feststellen, dass nicht nur das Krankenhaus, sondern ganz London wie ausgestorben ist. Die Straßen sind leergefegt. Erst als er auf Selena (Naomie Harris) und Mark (Noah Huntley) trifft, wird er aufgeklärt: Eine furchtbare Seuche ist über die englische Bevölkerung hergefallen und hat aus den Menschen blutrünstige Zombies gemacht.
Ein Wissenschaftler (David Schneider) betitelt den Virus, mit dem die Affen infiziert sind und der sich schließlich auf die Menschheit ausbreiten wird, in der Anfangssequenz sehr treffend als „Wut“. Wie die Personifizierung roher Wut jagen Boyles Zombies ihre Opfer. Sie rennen wie vom Teufel Besessen, jede Bewegung scheint unkontrolliert und nur den Instinkten folgend. Sie schlagen und zerren an ihren Opfern, kreischen und beißen. Kommt ein Mensch mit infiziertem Blut in Berührung, hat er circa 10 – 20 Sekunden, dann wird er selbst zum Infizierten. Alles geht rasend schnell in „28 Days Later“.
Die Actionszenen sind demnach schnell und hart. Längere Raufereien gibt es nicht, der Regisseur beschränkt sich auf kurze, schockierende Momente. Gerade durch den sporadischen, gezielten Einsatz der Action schafft es „28 Days Later“, den Zuschauer in seinen Sitz zu pressen und immer wieder zusammenzucken zu lassen. Der Film hat einige wirklich krasse Szenen zu bieten, bei denen sich mir vor Ekel die Fußnägel aufrollten. Ist es nicht genau das, was man von so einem Film erwartet?
Boyle setzt auf Handkameras in der Action sowie Stativaufnahmen für die ruhigen Momente. Ungewöhnliche Perspektiven schaffen melancholisch angehauchte, manchmal poetische Bilder. Besonders das menschenleere London wirkt so bombastisch und trostlos, einfach weil man es nicht gewöhnt ist, die florierende, vollgestopfte Metropole Englands völlig leer und still zu erleben.
Die Dialoge sind überraschend frisch und aus dem Leben gegriffen. Die Charaktere sprechen genau so, wie Menschen eben sprechen. Solche Details unterstützen die Glaubwürdigkeit enorm, die gerade bei diesem Genre am Ende über Top oder Flop entscheiden wird. Die wirklich überzeugenden Darsteller, allen voran Cillian Murphy (bekannt als Scarecrow aus Nolans Batmanfilmen) und Brendan Gleeson (Troja) als sorgender Vater liefern eine durchweg gute Leistung ab. Einzig Christopher Eccleston als Major West verblasst neben seinen Schauspielkollegen. Der Soundtrack ist übrigens überwältigend und tut sein übriges, um aus „28 Days Later“ ein verstörendes Erlebnis zu machen.
Leider, leider zieht ein großes Problem „28 Days Later“ nach unten: Konsequenz.
Die Macher haben ihre Endzeitvision nicht konsequent zu Ende gedacht. Es sind die vielen kleinen Details, die auffallen; viele Ungereimtheiten, die man sich als Zuschauer einfach nicht erklären kann. Warum bleiben die Infizierten stehen, als die Protagonisten in einem Auto flüchten? Erkennen sie etwa, dass sie dem Auto nicht folgen können? Aber genau dieses Erkennen spricht gegen alles, was der Film vorher aufgebaut hat. Die Zombies handeln doch auch sonst Blindlinks aus purer Wut.
Warum sind alle Straßen in England, selbst die Autobahnen, völlig leer? Müsste die Massenpanik nicht zu verstopften Straßen und Staus ohne Ende geführt haben? Warum ist London menschenleer? Wo sind all die Leichen und Infizierten? Müsste, wenn sich die Infektion wirklich so schnell ausbreitet, nicht die ganze Stadtbevölkerung als Zombies durch die Straßen jagen? Und warum gibt es fast nirgends eine Leiche? Warum kaum ein Auto? Sicherlich war da die Idee des völlig leeren Londons; und die Umsetzung wirkt atemberaubend, allerdings nagen gerade solche Details an der Glaubwürdigkeit. Wahrscheinlich spielte vor allem das Budget eine Rolle, da die Zombies immer nur in kleinen Gruppen auftreten, wo gerade in den größeren Städten eigentlich massenweise Infizierte herumschwirren müssten. Allerdings ist in „28 Days Later“ auch der einzelne Zombie schon sehr gefährlich. Der Film lebt ja auch nicht von Massenszenen, sondern von kleinen, aber krassen Begegnungen mit den Infizierten.
Im letzten Drittel treffen die Protagonisten auf eine Gruppe Soldaten. Hier entpuppt sich ein weiteres Manko des Films: Die Soldaten verhalten sich dermaßen unlogisch und sinnfrei, dass es mir beim Zusehen weh tat: Infizierte werden auf hunderte Meter Entfernung mit Feuerstößen bekämpft, wo die Munition mehr als knapp ist. Die Soldaten halten ihre Waffen unprofessionell und ballern meist wild durch die Gegend. So verhält sich kein britischer Soldat im realen Leben!
„28 Days Later“ hätte der ganz große Wurf werden können. So ist es immer noch ein guter Zombiefilm, mit schockierenden, bedrückenden Momenten, der aber eine Menge Potenzial verschenkt. Somit kann ich leider nur gute 3/5 eingedrückte Augen vergeben.
